Türkenstraße – der Name weckt Assoziationen, doch welcher Art? Die eines orientalischen Basars, die von Kriegsgetümmel oder doch eher die des Geruchs einer Dönerbude? Von allem etwas, wie eine kurze Umfrage unter den Passanten der Münchner Türkenstraße an einem Freitag Nachmittag im Juni 2009 zeigt. Und die Befragung zeigt auch, dass der Ursprung des Namens „Türkenstaße“ kaum jemandem bekannt ist. Nur einer – von Beruf zufällig Stadtführer – kennt die Zusammenhänge: „Frühere Kriegsgefangene, die 'Max-Emanuel-Türken', haben den Türkengraben gebaut, der hier in der Nähe mal verlief.“
Dass kaum einer Bescheid weiß, liegt vielleicht auch daran, dass in der Türkenstraße wenig an diese historische Begebenheit vor über 300 Jahren erinnert, als türkische Kriegsgefangene Kanäle für den bayerischen Kurfürsten ausheben mussten. Diese „Max-Emanuel-Türken“ waren vom Kurfürsten Maximilian II. Emanuel nach Bayern gebracht worden, der 1683 mitgeholfen hatte, Wien vor dem Ansturm der Osmanen (Türken) zu retten. Bei den umfangreichen Unternehmungen zur Anlage eines Kanalsystems um die Schlösser Nymphenburg und Schleißheim wurde die "menschliche Beute" zur Zwangsarbeit herangezogen, bis mit dem Friedensvertrag von 1699 die gefangenen osmanischen Soldaten freigelassen wurden.
Einer der Kanäle sollte die Münchner Residenz mit Nymphenburg verbinden, sodass auch im Verlauf der heutigen Kurfürsten- und Belgradstraße Aushubarbeiten vorgenommen wurden. Obwohl dieser Kanal erst 1701 bis 1703 gegraben wurde und demnach keine türkischen Kriegsgefangenen mehr daran beteiligt waren, wurde er im Nachhinein als "Türkengraben" bekannt. Er verlief entlang der heutigen Kurfürsten- und Belgradstraße, deren Namengebung wiederum an einen Sieg Max Emanuels über osmanische Heere erinnert. Dieser Kanal wurde allerdings nie vollendet und 1811 durch König Max I. Joseph wieder zugeschüttet. Ein Jahr später gab man der ganz in der Nähe neu angelegten Türkenstraße diesen Namen. Dies geschah aber wohl eher in Anlehnung an die Bezeichnung, die der Volksmund für den Graben gewählt hatte, als in der Absicht, den Kriegsgefangenen ein namentliches Denkmal zu setzen.
Die türkischen Kriegsgefangenen haben also einen bleibenden Eindruck in der damaligen Zeit hinterlassen – zumindest namentlich. Und wohl nicht zufällig sind diese Namen in einer Zeit festgeschrieben worden, in der man zu den jährlichen Feiern auf der Theresienwiese, aus denen sich das Oktoberfest entwickeln sollte, eine großes Türkenzelt aus der Kriegsbeute Max Emanuels aufstellte, bayerische Fähnchen an die türkischen Halbmonde hängte und die Militärkapelle türkische Musik aufspielen ließ. Dennoch muss man heute schon genau hinschauen, um vor Ort noch Anknüpfungspunkte an diese Zeit zu finden.
Einen Versuch, sich der Türkenstraße geschichtlich zu nähern, stellen z.B. die fünf „Fenster“ des Künstlers Joachim Jung (geb.1951) dar. Sein Ziel: Verlauf und Geschichte des Türkengrabens mit künstlerischen und dokumentarischen Mitteln sichtbar zu machen. Dazu installierte Jung im Jahr 2005 Gehsteinmarkierungen und Bautafeln, die den Verlauf des Türkengrabens durch die Stadt darstellten. Als Abschluss des Projekts wurden grafisch gestaltete Fenster in die Mauer der Türkenschule an der Schellingstraße eingelassen. Darauf sind eine Stadtkarte mit dem Verlauf des Türkengrabens, historische Ansichten sowie Texte zum damaligen Bauvorhaben verarbeitet.
Anja Rücker
Zur Türkenstraße siehe auch: Türkenhof, Türkendolch, Türkenschule und Türkentor



