Der Tabakladen in der Rottmannstraße

Immer wieder stellt das abendländische Europa den Orient als „das Andere“, als Gegenbild dar. Die Bedrohung während der Jahrhunderte andauernden, kriegerischen Auseinandersetzungen mit dem Osmanischen Reich wich zu Beginn des 19. Jhd. einem oft romantisierenden Bild. Mit exotischen, paradiesischen Bildern aus 1001 Nacht sowie der Vorstellung von Tabak rauchenden und Kaffee trinkenden Türken entstand ein imaginärer Orient als fremdartiger, sinnlich-exotischer Ort in den Köpfen der Europäer. So wurde es üblich, den Orient mit sinnlichen Genüssen und Genussmitteln, besonders Kaffee und Tabak, zu assoziieren.

Aus diesem Grund waren orientalische Stilelemente zu Beginn des 19. Jahrhunderts etwa in der Tabakreklame fest verankert. Unzählige Anleihen bei orientalischer und maurischer Ornamentik wurden auch bei der europäischen Architektur vorgenommen, wenn diese mit den genannten Genussmitteln zu tun hatten. Ein Beispiel hierfür ist die 1862 erbaute Zigarettenfabrik „Yenidze“ in Dresden, ein Bau mit Minarett und Glaskuppel, dessen Architektur wie eine Moschee “auftritt“. Auch in München lassen sich Spuren dieser orientalisierenden Architektur finden. Ein Beispiel hierfür ist der im Münchner Stadtmuseum ausgestellte Tabakladen, dessen ehemaliger Standort sich in der Zweibrückenstraße nahe dem Isartor befand.

Ein zweites Beispiel aus dieser Zeit ist der, noch als solcher genutzter Tabakladen in der Rottmannstraße. Die erste Zigarettenfabrik Bayerns - im Besitz des kaiserlich-türkischen Konsuls Grathwohl - ließ dieser 1866 von ihrem ehemaligen Standort Istanbul nach München in die Rottmannstraße verlegen. 1895 fügte er einen Tabakladen hinzu, in welcher der größtenteils aus der Türkei importierte Tabak verkauft wurde.

Große Teile der Originaleinrichtung von 1895 sind (laut Ladenbesitzer im Jahr 2010) bis heute erhalten geblieben, wobei sie erst 2008 unter einer Holzverkleidung wieder entdeckt wurden. Gegenüber der Eingangstür befindet sich ein großes, aus Holz gefertigtes, bogenförmiges Element. Auf dem oberen Bogen steht in osmanisch-arabischer Schrift „Grathwohl Fabrik“, auf dem unteren Bogen ein Koranvers. Auf einer Holzplatte rechts des Bogens befindet sich eine gemalte Darstellung der Sultan-Ahmed-Moschee in Istanbul. Links die Darstellung der sog. Konstantinssäule, im Hintergrund eine weitere Moschee. Die gesamte Ladentheke ist mit Holz verkleidet, die für die orientalische Architektur typischen Ornamente wie einfache geometrische Verzierungen und Pflanzenmotive wie Lotusblüten, Blätter und Knospen in Gold aufweist. Auch die Mondsicheln als Symbol des Islams sind auf dem Bogen zu finden. Der Kronleuchter ägyptischen Ursprungs wurde erst nach 2008 der Ladeneinrichtung nachträglich hinzugefügt.

Die Orientzigarette war in Europa lange Zeit ein exotisches Luxusgut. Die Werbewirksamkeit der orientalischen Bilderwelt versiegte offensichtlich Ende der 1950er Jahre, als der amerikanische ‚Wilden Westen’ diese fast vollständig verdrängte. Auch Spuren dieser Werbepoche sind im Tabakladen in der Rottmannstraße vorzufinden, so sind etwa alte amerikanische Dekorautos in einem Regal zu sehen. Heute gewinnt die assoziative Kraft der Bilderwelten des Orients wieder zunehmend an Bedeutung. Seit Beginn des Jahrtausends lassen sich orientalische Kaffeehäuser, Shisha-Lounges, Treffs oder Bazare aus dem Stadtbild Münchens nicht mehr wegdenken. Bedingt durch den Massentourismus in die Türkei und Ägypten, durch die neuen Konsumentengruppen aus Migrationsmilieus oder durch arabische Touristen erfährt heutzutage der orientalische Tabak, insbesondere in Form des Wasserpfeifenkonsum (arabisch: Shisha), einen Aufschwung in Europa. Die Shisha ist zu einem Symbol des Orients und des Genusses geworden wie einst die Orientzigarette, zusätzlich ist sie aber auch ein Symbol für Weltoffenheit und ethnische Vielfalt. Sie trägt so zum Bild einer globalisierten ‚world city’ bei.

Dorina Bruckmann, Anja Meyer