König Ludwig II - Flucht in eine Märchenwelt

König Ludwig II,  geboren am 25. August 1845, musste mit 18 Jahren aufgrund des frühen Todes seines Vaters die Thronfolge antreten. Drei Jahre später verlor er an der Seite Österreichs den Krieg gegen Preußen. In dessen Folge musste er 1871 die Kaisererhebung von Wilhelm I. und damit die Gründung des deutschen Reiches akzeptieren. Er verlor damit seine volle Souveränität als Herrscher und musste seinen Haushalt auf 30.000 Gulden beschränken.

Bereits als Kind war er durch das orientalische Schlafzimmer seiner Mutter im Schloss Hohenschwangau, mit der „Märchenwelt“ des Orient in Berührung gekommen. Sie war (nicht nur für Ludwig) Sinnbild einer phantastischen Welt selbstherrlicher despotischer Fürsten und märchenhafter Reichtümer, in die er sich  mehr und mehr flüchten und somit der Wirklichkeit entziehen konnte. Der Orient wurde deshalb zu einer seiner Leitideen, auch bei seinen Bauvorhaben.

So ließ er sich auf dem Dach der Residenz 1872 einen Wintergarten errichten, das (mit 80 x 70 Metern) größte freitragende Eisenkonstrukt, das es bis dahin gab. Hermann Schlagintweit, der Ostindien und den Orient bereist hatte, richtete den Wintergarten ein. Er wollte hier eine möglichst echt wirkende orientalische Atmosphäre schaffen. Dafür nutzte er einen maurischen Kiosk, einen Wasserfall, eine Tropfsteingrotte, einen See und riesige auswechselbare Hintergrundbilder mit orientalischen Motiven. Orangenbäume und andere Pflanzen, die Ludwig extra importieren ließ, sollten zur Echtheit des Flairs beitragen. Zeitzeugen, die den Wintergarten zu Gesicht bekamen, beschreiben das Erlebnis wie Maria de la Paz “… glaubte ich mich in Alhambra verzaubert”. Der Wintergarten wurde kurz nach Ludwigs Tod abgerissen.

Auch in Schloss Linderhof ließ er einen maurischen Kiosk, mit goldener Mittelkuppel und vier Minaretten aufstellen. Diesen hatte er auf der Pariser Weltausstellung 1867 (dort war dieser der preußische Beitrag zur Ausstellung) gesehen und später erworben. Ludwig ließ das Innere des Kiosks mit einem Marmorbrunnen und einem Pfauenthron erweitern.

Seine Bauten sind im Kontext der historisierenden Orientbegeisterung zu sehen. In Deutschland ist eines der berühmtesten Bauten dieses Stiles die Yenidze-Tabakfabrik in Dresden, in Österreich die sogenannte „Zacherlfabrik“ in Wien.  Auch Cafes und Tabakläden, Bäder und Elefantenhäuser, Schlösschen und sogar Pumpwerke wurden in orientalisierenden Formen gebaut. Sie spiegeln den damaligen Zeitgeist wieder und die Faszination, die das „ferne Morgenland“ auf das Abendland ausübte.

Das letzte Beispiel eines orientalisierenden Baus Ludwigs II. ist das 1869 – 1872  erbaute „Königshaus am Schachen“. Wohnzimmer, Schlafzimmer, Arbeitsraum und Toilette befinden sich im Untergeschoss; sie sind traditionell gestaltet und mit Zirbelholz verkleidet. Im Obergeschoss jedoch befindet sich der „türkische Saal“, der nach dem Vorbild eines Sultanpalastes in Istanbul im osmanischen Stil erbaut wurde. Dort, in großer Abgeschiedenheit, ließ sich Ludwig von seinen Dienern, welche - als „Türken“ verkleidet - Tabak rauchten und Mokka tranken, verzaubern. Er ließ alles so echt orientalisch wie möglich nachstellen. Durch die bunt gefassten Glasfenster drang von außen nur gedämpftes Licht herein. Fächer aus Pfauenfedern in goldenen Krügen und Räucherschalen, die mit Halbmonden verziert waren, versetzten den König in das Märchenreich von 1001 Nacht, wie er es sich erträumte. In eine Welt in der alles möglich schien, alles voll Zauber war, in der Teppiche fliegen, Farben betören und Tabakgeruch die Sinne verzaubert. Eine Welt, die er sich mitten in die bayerischen Alpen holte.

Elena Maier, Marina Kirchmayr