Warum unternehmen drei Künstler - Paul Klee, Louis Moilliet und August Macke - 1914 eine Tunis-Reise (damalige Bezeichnung nicht nur für die Stadt, sondern auch für das Land Tunesien)? Warum gerade in den „Orient“? Waren es 1001-Nacht-Geschichten aus der Kindheit, die bei den Künstlern Sehnsüchte geweckt hatten? Oder waren es die Erzählungen der Schon-Mal-Dort-Gewesenen, wie Moilliet und Kandinsky (siehe www.isar-arabesken.de/places/kandisky.html)? Oder gab die viel beachtete Ausstellung „Meisterwerke Muhammedanischer Kunst“ 1910 in München, zu der selbst Matisse eigens aus Paris angereist war, den Auslöser?
All das mag dazu beigetragen haben, dass sich Mitte April 1914 alle Mitreisenden in Marseille trafen, um nach Tunesien aufzubrechen. Die Eindrücke waren vielfältig und offensichtlich atemberaubend: die Hitze, die Farben, die intensive Helligkeit, Araber, verschleierte Frauen, Kamele, Bazare und das „bunte Treiben“ auf den Straßen. „Es geht wie der Teufel, und ich bin in einer Arbeitsfreude, wie ich sie noch nie gekannt habe“ (Macke). Ebenso wie Klee war auch Macke von der Architektur und den typischen, durchaus klischeehaften, tunesischen Motiven wie Eseln und Kamelen, Palmen und weißen Häusern oder von den Arabern in malerischer Tracht gebannt.
In Paris hatte er schon Einflüsse Robert Delaunays aufgegriffen, während der Tunisreise jedoch präzisiert er seinen Stil (Abb.1: Türkisches Café II). Die Kompositionsprinzipien bei Macke erinnern vielleicht auch deshalb an die islamische Ornamentik, wie z. B. in der Mosaik- und Kachelkunst, sowie an die Teppichmotive Kairouans. Die Farben auf seinen Bildern wurden „lebendig“ und er nutzte sie zur Schilderung von Stimmung und Atmosphäre, wie in Kairouan I (Abb.2). Durch die Farben entsteht in der Vorstellung des Betrachters auch heute noch förmlich die Hitze und die Trockenheit der Wüste, durch die verschiedenen Blautöne scheint das Luftflimmern direkt sichtbar zu werden.
Die intellektuelle Verarbeitung der Tunisreise fand auf mehreren Ebenen statt, sie hatte großen Einfluss auf die neue Kompositionsweise von Farbe und Form. Macke sagte schon vor Tunis: „Auch Stile können an Inzucht zugrunde gehen. Die Kreuzung zweier Stile ergibt einen dritten, neuen Stil […] Europa und der Orient.“ (August Macke, Almanach „Der blaue Reiter“). Desweiteren setzte er sich gegen Ende der Reise mit dem Vergleich und der Begegnung der Kulturen auseinander. Bestes Beispiel dafür ist das Bild „Auf der Straße“ (Abb.3). Im Vordergrund ein Europäer in Anzug und Hut, ihm direkt gegenüber ein Araber mit weißem Gewand und arabischer Kopfbedeckung, das „Zusammentreffen zweier Welten“.
1910 lebte Macke mit seiner Frau für ein Jahr am Tegernsee. Bei Besuchen in München knüpfte er lebenslange Freundschaft mit Franz Marc. Im Zuge dessen wurde er 1911 in die Künstlergruppe „Der Blaue Reiter“ aufgenommen und stellte in diesem Rahmen auch in München aus. Heute sind die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen (Pinakothek der Moderne) und die Städtische Galerie im Lenbachhaus im Besitz einiger seiner Kunstwerke.
Katharina Hermannsdorfer



