Kandinsky und die islamisch geprägte Bildsprache Wassily Kandinsky (1866-1944) zählt zu den bedeutendsten Künstlern des 20. Jahrhunderts. Er lebte von 1896-1914 in München bzw. Murnau und studierte hier an der Akademie der Bildenden Künste. In München vollzog er den für die gesamte Kunstgeschichte wichtigen Übergang zur abstrakten Kunst.
Im Werk des Künstlers zeigt sich gerade in dieser entscheidenden Phase des Durchbruchs zur Abstraktion zwischen 1903 und 1910 seine Faszination für den Orient und die islamische Kunst. Kandinsky wurde vor allem durch eine Tunesienreise 1904 beeinflusst. Dort schuf er zahlreiche Bleistiftskizzen, Öl- und Temperabilder, in denen er sich mit orientalischen Motiven auseinandersetze. Seine Aufmerksamkeit richtete sich im Besonderen auf die Flächigkeit, die Abstraktion und den Eigenwert der bildnerischen Mittel in der islamischen Ornamentik. Sein Bild Improvisation 6 (Afrikanisches) reflektiert diese Erfahrungen und markiert den Umbruch im wichtigen Jahr 1909.
Das Bild zeichnet sich durch ein kontrastreiches Zusammenspiel der Farben Blau, Orange, Grün und Gelb aus. Im Vordergrund zeigt Kandinsky zwei dem Betrachter zugewandte Figuren, mehrere abgewandte Figuren sowie ein Gebäude vor einer Landschaftsszenerie. Die Figuren sind stark abstrahiert und gerade noch als Menschen erkennbar. Kandinsky verwendet eine flächige Farbgebung, starke und dunkle Umrisse und intensive Farben. Eine Raumwirkung wird ausschließlich durch die Staffelung der Bildelemente erzielt. Die Gewandfiguren mit Turbanen sowie die Blockhaftigkeit der weißen Architektur lassen auf gegenständlicher Ebene Assoziationen zum Orient zu. Kandinsky verzichtet in seinem Bild auf die detaillierte Darstellung der Gesichter und der Figuren. Dies lässt Parallelen zur ausgeprägten Scheu vor bildlicher Darstellung in der islamischen Kunst zu. Hier wird etwa der Prophet häufig mit weiß verdecktem Gesicht dargestellt. Nicht nur Motiv und Titel sind also Hinweise auf die Rezeption islamischer Kunst bei Kandinsky (wie später ja auch bei Klee und Macke). Er besuchte außerdem 1910 mit großem Interesse die Ausstellung islamischer Kunst in München. Wie stark der Einfluss der – in Abgrenzung zur abendländischen Kunst – viel stärker abstrahierenden Kunst des Islam auf Kandinsky zu jener Zeit war, in der er den Schritt zur Abstraktion vollzog, müssen wohl noch weitere Forschungen klären.
(Erste Ansätze dazu s. Naima Salam, Marokkanische und europäische Kunsttraditionen als Inspirationsquelle für die marokkanische Malerei der Gegenwart, Münster 2004 [Schriftenreihe von Stipendiatinnen und Stipendiaten der Friedrich-Ebert-Stiftung, 23], S. 50 ff.. Dort auch der Hinweis auf den Kontakt Kandinskys über Franz Marc zu dessen Bruder Paul Marc, einem bekannten Byzantinisten und Kenner der Kunst des Islam.)
Sabrina Boreck, Kristina Lichey
Abb.: Wassily Kandinsky, Improvisation 6 (Afrikanisches), 1909, Öl auf Leinwand,. 107 x 99.5 cm, Städtische Galerie im Lenbachhaus



