Der Orient in Schwabing – die Buchhandlung Avicenna

Die Amalienstraße in Schwabing war die Heimat vieler berühmter Personen. Der Dramatiker Henrik Ibsen lebte in der Amalienstraße 53, der Maler Paul Klee soll in der Hausnummer 45 gewohnt haben und der Kunstsammler und Schriftsteller Lothar Günther Buchheim residierte in der Nummer 73. In der Amalienstraße 23 eröffnete 1955 der allererste Wienerwald, in dem Schauspieler Hans Clarin sich oft ein Hendl bestellte. Gerhard Polt lebte im Haus Nummer 79. Doch das Wohnviertel um die Amalienstraße wurde schon in den siebziger Jahren mehr und mehr zu einem Verwaltungs- und Universitätsviertel, als der Ausbau der Universität beschlossen wurde. Heute beherrschen kleine Coffeeshops, Sushi- und Sandwichbars und Copyshops das Straßenbild. Dominiert wird die Straße von der Ludwig-Maximilians-Universität und ihren Studenten.

Doch mitten in dieser Schnelllebigkeit studentischen Treibens findet sich ein kleiner, außergewöhnlicher Laden. Eine Buchhandlung namens AVICENNA, deren Besitzerin sich der Philosophie verschrieben hat, um Brücken zu bauen, eine Verbindung zwischen Orient und Okzident zu schaffen. Namensgeber war der persische Philosoph und Mediziner Avicenna, der im zehnten Jahrhundert in seinen Schriften römisches, griechisches und arabisches Gedankengut vereinte und sich für die Verständigung von Morgenland und Abendland einsetzte.

Diese Verständigung versucht die Inhaberin, Helene Saal, mit ihrer Buchhandlung weiterzuführen. Die Idee, einen Laden zu eröffnen, in dem hauptsächlich orientalische Literatur angeboten wird, entstand nicht von heute auf morgen. Als sie einmal die authentische, spirituelle Autobiographie „Ich ging den Weg des Derwisch“ des englischen Sufis Reshad Feild las, ein Kultbuch in den 70er Jahren und mittlerweile ein Klassiker der Selbsterfahrungsliteratur, begann Helene Saal, sich mit dem Sufismus, der mystischen Richtung des Islam, zu beschäftigen und konvertierte schließlich. Zu dieser Zeit gab es in Deutschland kaum Buchhandlungen, die sich auf Islam und Orient spezialisiert hatten, weshalb sie Ende der 1990er Jahre selbst ein solches Geschäft eröffnete. Die Buchhändlerin möchte einen aufgeklärten Islam vertreten, der sich selbst kritisch hinterfragt, die verschiedenen Religionen und Kulturen miteinander versöhnt und der tolerant und aufgeschlossen ist. Zu den Kunden zählen hauptsächlich am Islam interessierte und ihm gegenüber aufgeschlossene Menschen z. B. aus binationalen Familien, Sprach- und Orientalistikstudenten von der gegenüberliegenden Universität, Orientliebhaber und Theologen. Da aber im Allgemeinen die Unwissenheit der Menschen aus dem westlichen Kulturkreis über die islamische Kultur und Religion immer noch sehr groß ist, möchte Helene Saal mit ihren Büchern die aufgeklärten und kritischen Gedanken islamischer Schriftsteller verbreiten. Doch ist es nicht leicht, die Menschen zu erreichen, denen es ein neues und aufgeklärteres Bild des Islam zu vermitteln gilt. Helene Saal kann mit ihrer Buchhandlung zwar nur einen kleinen Teil zur Verständigung der Religionen und Kulturen beitragen, ist aber darum bemüht, etwa durch Lesungen ein breiteres Publikum zu erreichen und fehlerhafte, vorurteilsgeprägte Meinungen „aufzuklären“.

 

Susanne Gebhardt, Veronika Scheinecker